Aktuell im Kino: Stoff – Ein Spitzengeschäft
Theater am Saumarkt
Ein Film von Anette Baldauf, Joana Adesuwa Reiterer, Chioma Onyenwe, Katharina Weingartner über den Textilienhandel zwischen Lustenau und Nigeria – und seine kolonialen Verflechtungen
Wie lässt sich der tiefgreifende Wandel, den die Textilindustrie seit dem 19. Jahrhundert in Vorarlberg ausgelöst hat, erforschen und beschreiben? 2013 übernimmt das neu eröffnete vorarlberg museum vom Weltmuseum in Wien die Ausstellung „African Lace“, die sich zum ersten Mal mit der Geschichte und kulturellen Bedeutung dieser in Lustenau produzierten und nach Nigeria exportierten textilen Spitzen beschäftigt. Die Ausstellung präsentierte die kunstvoll gefertigten Stoffe und Stickereien, die seit dem späten 19. Jahrhundert in St. Gallen und in Lustenau aus Ätz- und Lochstickerei hergestellt wurden und zeigt gleichzeitig auf, wie eine intensive Handelsgeschichte Afrika und Europa bereits seit der frühen Neuzeit verbindet. Globale Prozesse werden dabei anschaulich: „Aus Asien importiertes Rohmaterial wird auf in der Schweiz produzierten Maschinen, die von türkischen Facharbeiter:innen bedient werden, in Vorarlberg zu feinen Luxusstoffen verarbeitet, die eine wichtige Rolle im nigerianischen ‚Nationalkostüm‘ spielen“, erläutert die Kuratorin der damaligen Ausstellung Barbara Plankensteiner. Die Ausstellung entstand als Gemeinschaftsprojekt europäischer und nigerianischer Museen und wurde auch in Nigeria gezeigt. Schon in dieser umfassenden Darstellung wird die damit verbundene gesellschaftspolitische Frage sichtbar: Welche Rolle spielte Europa in der kolonialen und postkolonialen Geschichte Afrikas – und insbesondere in der Geschichte Nigerias?
Laut dem digitalen Wissensnetz Austria-Forum* war die Textilindustrie „bis in die 1970er-Jahre die Leitindustrie in Vorarlberg: Rund 70% der Gesamtwertschöpfung erwirtschaftete Vorarlberg mit Textilien“.
Die Vorarlberger Stickereibetriebe unterhielten dabei intensive Geschäftsbeziehungen zu den Yoruba, einer Bevölkerungsgruppe im Südwesten Nigerias. Noch heute gehört Nigeria zu den wichtigsten Exportmärkten für Spitzen aus Vorarlberg, das „als das viertgrößte Stickereigebiet der Welt“ gilt.
1977 Jahr führt Nigeria ein Einfuhrverbot für Luxusgüter ein, die sogenannten „banned goods“. Aber die Händler:innen aus Lustenau wollen die bisher so lukrativen Geschäfte nicht einfach aufgeben. Deswegen entstand schnell eine stark frequentierte Schmuggelroute von Lustenau nach Nigeria, und der illegale Handel florierte. In ihrem vielbeachteten Buch „Margret’s African Connection“ beschreibt die Lustenauer Zeitzeugin Margarethe Bösch ihre Arbeit als Export-Managerin für österreichische Firmen. Von 1975 bis 1984 unternahm sie zahlreiche Reisen nach Lagos/Nigera und, nachdem ihr dort wegen Devisenschmuggels ein Einreiseverbot auferlegt wurde, weiter nach Cotonou/Benin. Sie beschreibt traumatische Erlebnisse, riskante Deals, Gier und Korruption, aber auch ihre Liebe zu Nigeria und vor allem zu ihren Freund:innen vor Ort. In ihrem neuen Dokumentarfilm greifen nun vier Regisseurinnen, Annette Baldauf, Chioma Onyenwe, Joana Adesuwa Reiterer und Katharina Weingartner, diesen autobiographisch geprägten historischen Einblick Böschs in Vorarlbergs Zeitgeschichte auf und ergänzen ihn um weitere spannende Perspektiven. „Stoff/Lace“ ist von pooldoks, einer kleinen österreichischen Dokumentarfilmfirma produziert worden, die „sich besonders für Kooperationen mit Filmemacher:innen aus dem globalen Süden“ interessiert: „Wir schauen uns an, wo koloniale, kapitalistische Strukturen Ungleichgewichte hinterlassen haben, und arbeiten an einer Gegenbewegung,“ lautet ihr Mission Statement. Einer der genannten Verhaltenscodices lautet, „Selbstrepräsentation hat Vorrang vor externer Interpretation.“
Gleich zu Beginn des Filmes bespricht Annette Baldauf im Rahmen einer Zoomsitzung mit ihrer nigerianischen Regiekollegin Joana Adesuwa Reiterer, wie der „Stoff gemeinsam hergestellt“ werden kann. Das Projekt soll nicht länger eine europäische Perspektive dominieren, vielmehr will man die Geschichte gemeinsam erzählen. Dabei fördert der vierfache Blick unglaublich dichte Erkenntnisse zutage: So bietet einmal die Journalistin und Aktivistin Ireti Bakare-Yusuf, die ihre verstorbene Mutter, „Queen of Lace“ Alhaja Seriti-Yusuf mit einem sehr glamourösen Event feiert, Einblicke in diese exklusive Modewelt Nigerias. Gleichzeitig berichtet sie, wie „unsere Mütter ihre Geschäfte gestartet“ haben und im Zuge ihrer florierenden Stickerei-Unternehmen Lustenau besuchten – um dort verblüfft festzustellen, dass es „rein gar nichts gab … keine Händlerinnen, die Männer gingen zur Arbeit, die Frauen blieben zuhause“.
Die Filmemacherinnen gehen bei ihrer Annäherung an diese Geschichte sehr innovativ vor: Sie wählten mit dem Soziodrama eine besondere Form der Auseinandersetzung – eine Art Theaterspiel, in dem die Protagonist:innen in historische Figuren schlüpfen und so Vergangenes unmittelbar erlebbar machen. Das soll der gemeinsamen Reflexion darüber dienen, „woher der Reichtum kommt“. Dabei wird weit in die koloniale Vergangenheit zurückgeblickt, einschließlich der historischen Bezüge und Verstrickungen österreichischer Unternehmer in den Menschenhandel des 17. Jahrhunderts, ein unvorstellbar brutaler „Handelskreislauf“ wird so nachvollziehbar gemacht: Leinen aus Vorarlberg wird nach Triest transportiert, dort auf ein Schiff verladen, und nach Lagos gebracht, wo die Stoffe gegen Sklaven getauscht werden. Diese werden dann nach Savannah in Georgia / USA verschleppt, wo man sie mit Baumwolle bezahlt, die wieder zurück nach Triest verschifft wird.“ Dieser grausame Zyklus wird von den Teilnehmer:innen des Soziodramas am Beispiel der Feldkircher Industriellenfamilie Ganahl durchgespielt.
In dem Film spricht Dr. Mutiat Titilope Oladejo von der Universität von Ibadana / Nigeria mit Ireti Bakare-Yusuf über die Bedeutung von Identität, Selbstbewusstsein und ökonomischer Macht im Kontext der Textilindustrie in Nigeria: „Kultureller Widerstand läuft über das Wissen um Textilherstellung und Designs.“ Der Film regt so dazu an, bestehende globale Hierarchien zu hinterfragen. Ende März haben die Zuschauer:innen in Vorarlberg die Gelegenheit, den Film zu sehen und mit den Macherinnen ins Gespräch zu kommen.
*https://austria-forum.org/af/AustriaWiki/African_Lace
Hinweis:
STOFF - Ein Spitzengeschäft
Österreich 2025, 88 Min., engl.-dt.-yoruba OmU
Regie und Buch: Anette Baldauf, Joana Adesuwa Reiterer, Chioma Onyenwe, Katharina Weingartner
Filmvorführungen in Vorarlberg:
Spielboden Dornbirn, Sa. 14. März 19.30 Uhr, weitere Termine: spielboden.at
TaSKino, GUK Feldkirch, Fr. 27. März, 19.30 Uhr, Filmgespräch mit Katharina Weingartner und Nurcan Bakmaz
weitere Termine: guk-feldkirch.at