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Interview mit Tabea Magyar (Preisträgerin Feldkircher Lyrikpreis 2013) über kollektives Dichten und zeitgemäßes Publizieren

VN Interview vom 5. Juli 2014

Frau Magyar, Sie haben im vergangenen Jahr den Feldkircher Lyrikpreis gewonnen. Sie erarbeiten Ihre Texte gemeinsam mit weiteren AutorInnen. Wie darf man sich das vorstellen, kollektiv Gedichte zu machen?

In den meisten Fällen läuft bei mir ein Teil der Arbeit übers Internet. Das hat damit zu tun, dass die Menschen, mit denen ich arbeiten möchte woanders leben oder wir keine Zeit finden, um uns zu treffen. Mit Tristan war es so, dass wir uns den Text per Mail hin und her geschickt haben. Wer den Text zugeschickt bekam, durfte ihn bearbeiten und ergänzen und hat dann die neue Version wiederum zurückgeschickt. Für "das war absicht" haben wir mit G13* zunächst ein gemeinsames Google Dokument geschaffen, wo wir Textmaterial gesammelt haben. Danach haben wir uns getroffen und versucht dieses Material thematisch zu ordnen, Textblöcke festzulegen. Diese wurden dann nacheinander von zwei Autorinnen bearbeitet und anschliessend nochmals von Allen gemeinsam abgesegnet. Mit einer anderen Freundin läuft die Zusammenarbeit so, dass wir nur dann an Texten arbeiten, wenn wir uns auch wirklich physisch treffen. Dann bringen wir beide Textmaterial mit und formen daraus einen neuen Text - jede Entscheidung wird zusammen getroffen.

Sie haben die PreisträgerInnengedichte gemeinsam mit Tristan Marquardt verfasst. Wie sucht und findet man geeignete KoautorInnen?

Das ist eine gute Frage. Bei mir ist es so, dass viele meiner Freunde ebenfalls schreiben. Ich denke es ist gut mit Leuten zusammen zu schreiben, die man bereits kennt und deren Texte man mag, so dass man bereits ein gewisses Vertrauen aufgebaut hat. Mit G13 organisieren wir einmal im Monat ein Treffen, wo wir selbst-geschriebene Texte besprechen. Das ist gut, um andere Schreibende kennenzulernen und auch allgemein eine gute Sache, da es für das eigene Schreiben hilfreich ist sich auszutauschen und zu hören, was Andere zum eigenen Text zu sagen haben.

Diese gemeinsame Arbeitsweise stellt man sich eigentlich ziemlich konfliktanfällig vor. Texte sind doch etwas sehr intimes und individuelles. Was machen Sie denn  im Falle eines Streits?

Tatsächlich war ich bis jetzt nie in einer Situation, wo es Streit gegeben hätte. Wahrscheinlich ist die Streitgefahr geringer, wenn man mit FreundInnen arbeitet. Abgesehen davon, denke ich, dass es gut ist mit einer bestimmten Haltung in diesen Prozess zu gehen. Man sollte versuchen offen für das Ergebnis zu sein und sehen, was entsteht, ohne es stark kontrollieren oder seine eigene Meinung durchsetzen zu wollen. Es hilft, wenn das Ziel die Zusammenarbeit und nicht so sehr das Endprodukt ist. Daneben ist es auch nützlich Regeln für das Schreiben aufzustellen, die für einen selbst funktionieren, z.B. ob es erlaubt ist, dass die Partnerin bearbeitet, was ich geschrieben habe, oder ob sie nur neuen Text hinzufügen darf. Oder vielleicht will man auch alle Entscheidungen zusammen treffen. Oder man arbeitet so zusammen, dass jemand einen Text schreibt und die andere dann einen neuen Text, als Reaktion darauf. Es gibt sehr viele Möglichkeiten und ich denke es ist wichtig, dass man Regeln findet, mit denen man sich wohl fühlt und die nötigenfalls angepasst werden.

Gehen Sie denn auch in der Veröffentlichung ihrer Poesie unkonventionelle Wege? Wie und wo publizieren Sie?

Ich publiziere viel im Internet. Wir haben einen eigenen Blog, auf dem ich Gedichte publiziere und ich habe auch bei verschiedenen Online-Magazinen Texte oder Übersetzungen publiziert, etwa bei Transom oder bei No Man's Land. Mit G13 habe ich den Band "das war absicht" bei SuKuLTuR veröffentlicht. SuKuLTur ist zwar ein normaler Verlag, verkauft seine Bücher in Berlin aber in Snackautomaten an Bahnhöfen, was ich ganz schön finde. Ich arbeite auch schon seit Längerem an einer Lyrikkassette, eine Zusammenarbeit mit dem Musiklabel MOUCA, wo ich sowohl das Design, als auch den Inhalt der Kassette gestalte.
Seit einiger Zeit denke ich auch darüber nach, ein "Zine" zu publizieren. Zines sind Zeitschriften, welche in Eigenregie sehr billig produziert und publiziert werden. Sie sind in angelsächsischen Räumen sehr verbreitet und haben oft eine DIY-Ästhetik. Die Idee ist, dass jede, die irgendetwas publizieren/mitteilen/verschenken möchte, das einfach und mit einfachen Mitteln, also z.B. im Copyshop tun kann.

Haben Sie denn auch noch Tipps, wie man Gedichte wirkungsvoll vor Publikum präsentiert?

Ja, das ist ein Thema, mit dem ich mich gerne beschäftige. Es hilft bereits, wenn man laut, langsam und deutlich spricht, damit das Publikum eine Chance hat, die Gedichte auch wirklich zu verstehen. Und das ist nicht so einfach, wie es klingt. Es ist gut, wenn man den Text vorher ein bisschen übt. Man kann ihn sich selbst oder jemand Anderem laut vorsagen. Wenn man möchte, kann man auch Sprech- oder Gesangsübungen machen, z.B. einen Bleistift zwischen die Zähne klemmen und den Text so aufsagen. Das trainiert die Muskeln und die Artikulation. Solche Übungen kann man leicht im Internet finden. Ich glaube auch, dass es gut ist, für die Stimme eine körperliche Umgebung zu schaffen, in der sie sich entspannen kann - also den Körper entspannen vor dem Lesen, z.B. indem man 5 Minuten tief in den Bauch einatmet oder die Schultern kreist etc.
Allgemein würde ich sagen, dass man sich in der Lesesituation nicht hinter dem Text zu verstecken braucht, also nicht hinter dem Papier verschwinden, sondern wirklich zum Publikum sprechen, es auch ansehen, wenn man mag. Und ein letzter Tipp: Den Text nicht ablesen, sondern sich vorstellen, man hört den Text zum ersten Mal, also wirklich so lesen, wie wenn man den Sinn des Textes zu verstehen versucht.

Was raten Sie jungen AutorInnen, die Ihre "kollektive" literarische  Arbeitsweise ausprobieren wollen?

Sich Leute zu suchen, die man mag und mit denen man Lust hat, zusammen zu arbeiten. Sich überlegen, worauf genau man Lust hat, wie die Zusammenarbeit aussehen soll und dann entspannt in den Prozess gehen. Spaß an der Zusammenarbeit haben und nicht zu besorgt darüber sein, was am Ende dabei rauskommt!

Vielen Dank.

* Lyrikgruppe G13 http://gdreizehn.com/category/texte/tabea-xenia-magyar/

Tabea Xenia Magyar, geboren 1988 in Zürich, wo sie Philosophie, Romanistik und Politikwissenschaft studierte. Seit 2012 Studium in Zeitgenössischem Tanz am Hochschulübergreifenden Zentrum für Tanz in Berlin. Sie ist Mitglied des Berliner Lyrikkollektivs G13. Letzte Publikation: 40% paradies. gedichte der lyrikgruppe G13 (bei luxbooks 2012). 2012 Autorin beim Projekt Bewegungsschreiber, das Dichtung und Tanz zusammenbrachte. Bücher G13. das war absicht (SuKuLTuR 2013); Zeitschriften: no man’s land 7; Bella Triste 36; Kassette: Gedichte (Mouca 2013); Anthologien:  40 % Paradies. Gedichte des Lyrikkollektivs G13 (luxbooks 2012).         

Tristan Marquardt, geboren 1987 in Göttingen, lebt in München und Zürich. Sein Debütband das amortisiert sich nicht ist im Frühjahr 2013 bei kookbooks erschienen. Er ist Mitglied des Berliner Lyrikkollektivs G13 , dessen Mitgründer er 2009 war.
Er war Finalist beim 19. und 20. open mike der Literaturwerkstatt Berlin. Seit 2011 verfasst er neben dem eigenen Schreiben gemeinsame Gedichte mit mehreren anderen Lyriker_innen, seit 2012 organisiert er die Lesereihe meine drei lyrischen ichs in München.
Bücher das amortisiert sich nicht (kookbooks 2013); G13. das war absicht (SuKuLTuR 2013)
Zeitschriften      Belletristik 11 & 12; randnummer 4; KLEINE AXT 3; no man's land 7; Bella Triste 36
Anthologien      ars poetica Festival (Bratislava 2011); 19. open mike (Allitera Verlag 2011); Zeitkunst-Festival 2011 (Verlagshaus J. Frank 2011); 40 % paradies. Gedichte des Lyrikkollektivs G13 (luxbooks 2012); flarf Berlin – 95 Netzgedichte (edition pæchterhaus 2012); 20. open mike (Allitera Verlag 2012)