Feldkircher Literaturtage 2020: Revisited: Das Alphabet der Krise - Ilma Rakusa, Mein Alphabet

Donnerstag, 22. Oktober 2020 - 20:15

Lesung und Gespräch mit Christian Zillner

Was macht ein Leben aus? Wie fasst man es in eine Form und macht das Wichtige greifbar? Zu jedem Buchstaben des Alphabets verfasst Ilma Rakusa Beiträge von A wie Anders bis Z wie Zaun, changierend zwischen Prosa, Gedicht und Gespräch. Sie erzählt und dichtet über ihr bewegtes Leben: Werk, Weltsicht und Weggefährten, Reisen und die schönen Künste, Familie und Kindheit. Ihr gelingt der Kunstgriff, abstraktere Begriffe – wie Träume oder Rituale –, Orte, persönliche Erinnerungen und Erfahrungen kaleidoskopartig zu einem Ganzen zu vereinen.
Sie spricht über Dinge, die in unser aller Leben bedeutsam sind und mit denen wir uns auseinandersetzen: Freundschaft, Angst, Alter oder Zärtlichkeit und viele mehr.

Ilma Rakusa, geboren 1946 als Tochter einer Ungarin und eines Slowenen, studierte Slawistik und Romanistik in Zürich, Paris und St. Petersburg. Sie lebt als Schriftstellerin, Übersetzerin, Publizistin („NZZ“, „Die Zeit“) und Universitätslehrbeauftragte in Zürich. Nicht zuletzt mit ihren zahlreichen Übersetzungen aus dem Russischen (Zwetajewa, Remisow), Französischen (Duras), Serbokroatischen (Kiš) und Ungarischen (Kertész, Nádas) trägt sie zur Vermittlung osteuropäischer Literaturen bei. Von ihrem umfassenden Werk, in dem sie verschiedene

Spätestens in einer Krise zeigt sich, wie Sprache sich verschärft, Kommunikation eindimensionaler und Botschaften fordernder werden. Begriffe wie "Shutdown", "Hochfahren", „Risikogruppen“, „Ausgangssperre“, „Kontaktbeschränkung“, „Opferzahlen“, „Reproduktionszahl“, „Tracken“, „Triage“ ... gehören zum Diskurs der Bedrohung.

Wie geht es AutorInnen damit, die von Berufs wegen sensibel und wachsam mit Sprache und ihrer Komplexität umgehen und ihre Entwicklung und Indienstnahme kritisch beobachten?
Ilma Rakusa repräsentiert in besonderem Maße eine Sprachkünstlerin, die sich in ihrer poetischen „Lebensbeschreibung“ keiner Sprachdiktatur unterwirft, sondern im Gegenteil mit ihrem "Alphabet" ein überbordendes Sprachuniversum erzeugt.
Julya Rabinowichs Werk spürt den Beziehungen besonderer Menschen zur Mehrheitsgesellschaft literarisch nach und fasst die oft eingeforderte Anpassung in Worte. Sie beschäftigt sich mit Sprache als Instrument von Assimilationsdruck, Isolation und Ausgrenzung.
Der Autor Jens Malte Fischer stellt den sprachmächtigen Herausgeber und Autor der berühmten „Fakel“, Karl Kraus, vor und diskutiert mit dem FALTER-Chef und Autor Armin Thurnher darüber, wie Sprache im Kontext der Covid 19 Pandemie instrumentalisiert wurde: Auf "Befehle" verkürzt, zu brachialen Ausdrücken und zu populistische Floskeln verkommen, werden sie wie selbstverständlich Teil unserer Alltagssprache. Wie finden wir aber nach der Krise wieder zurück zu einer Sprache der Vielfalt und Poesie?